| |
Vergehen...
Motive von Leben, Tod und Vergehen finden wir in der
Kunst der Antike, des
Mittelalters und der Gegenewart. Auch wir "Menschen
der Postmoderne", obwohl wir mit Erfahrungen der Vorgenerationen
belastet sind, müssen diese Problematik bewältigen. Wir
äußern unsere Einstellung zu diesem Phänomen in der Literatur,
Malerei und Fotografie. Da der Fotograf die Eigenschaften
des Malers und Dichters vereint, ist seine Aufgabe besonders
schwierig. Das was der Dichter mit mehreren Worten zum Ausdruck
bringt, muß der Fotograf mit einer Aufnahme - meistens symbolischer
Art - wiedergeben. Er bemüht sich meistens um Herausbildung
von gewünschen Assoziationen beim Beobachter. Das gelingt
Andrzej Lazowski sehr gut und deswegen kann man ihn als
hervorragenden Kunstfotograf bezeichnen.
Von ihm dargestellte Gesichter rufen viele Erinnerungen
und Verbindungen hervor
und veranlassen philosophische Überlegungen. Durch seine
Fotos werden wir in die barocke Welt der Faszination des
Vergehens eingeführt. Wir als Beobachter seiner Werke nehmen
an diesem eigenartigen Mysterium teil, das mit intelektueller
Empfindung beginnt und mit der Bildung der persönlichen
Einstellung zur Vergänglichkeit des Lebens endet. Wir finden
für uns persönlich eine entsprechende Position in der vorübergehenden
Zeit und Einstellung zur Vergänglichkeit der Dinge. Wir
wälzen uns zwischen Traditionen und Erfahrungen, Wirklichkeit
und Imagination herum. Wir sind mit dem Vergehen der Zeit
nicht einverstanden und müssen die Wirklichkeit des Sterbens
wahrnehmen.
Die
Ausdruckskraft alter Gesichter spiegelt Lebensgeschichten
und -erfahrungen
wieder. Jede Falte, Narbe, Merkmal zeugt von etwas und
stellt die Geschichte des alltäglichen Kampfes dar. Man
findet in den Gesichtern Lebensgeschichten. Die von Andrzej
Lazowski fotografierten und in dieser Ausstellung gezeigten
Gesichter sind Gesichter Stettiner Juden. Man kann die Frage
stellen, warum gerade sie? Sind sie anders? Welchen Unterschied
gibt es zwischen dem Gesichtsausdruck einer alten polnischen
und einer jüdischen Frau? Es gibt Unterschiede. Im Gesicht
sind Zeichen des alltäglichen Kampfes und des nationalen
Erbes erkennbar. Juden lebten ohne eigenen Staat und nahmen
Gastfreundschaft anderer Nationen in Anspruch, hatten oft
die einzige Hoffnung und Unterstützung in ihrem Gott. Sie
haben seine Gebote geschützt und befolgt. Sie festigten
ihre Tradition, weil sie wußten, das sie das beste Bindemittel
zwischen Generationen ist. Gerade der Glauben half beim
Überleben durch Jahrhunderte der Intoleranz und des Hasses.
Glauben, daß Gott sie beschützt und liebt.
Die Ausstellung von Andrzej Lazowski ist auf besondere
Art und Weise der
Diaspora
der Stettiner Juden gewidmet - einer Generation, die langsam
aus dem gesellschaftlichen Leben verschwindet. Sie lebt
immer mehr nur in unseren Erinnerungen, in denen diese Welt
ihren Niederschlag gefunden hat. Es ist sehr schmerzhaft,
daß das Ende dieser Welt nicht durch Tod herbeigeführt wird.
Diese Menschen haben doch Kinder und Enkel. Leider vergeht
die Tradition durch gesellschaftliche Assimilation und Übernahme
neuer Verhaltensmuster. Diese Tradition, die durch Generationen
so geschützt und ausführlich weitergegben wurde. Vielleicht
deswegen werden sie trotz Alltag- und Lebensproblemen besser
verstehen, daß die Welt voll von Eitelkeit ist. Alles was
wir erreichen, kann durch Schicksalsschläge verloren werden.
Es bleibt uns nur das Alter mit Krankheiten, Falten und
nachlassenden Kräften. Und dann blicken wir in diese Augen,
Augen der verklingenden Nation.
Beata
Babicka
Übersetzt von Zbigniew Miklewicz
|